Dragan Svetjovic

(Fragment)

 

Dragan Svetjovic war ein grüner Mann mittleren Alters, von hagerer Statur und mit schütterem Haupthaar. Er war ungefähr einen Meter und 97 Zentimeter groß, wobei seine Beine rund drei Viertel seiner gesamten Körperlänge einnahmen. Ein Bein war etwas kürzer als das andere. Dies bemerkte man aber nur, wenn er stand, da sich sein Körper dann um etwa 60 Grad nach rechts neigte. Bewegte er sich fort, glich er seinen körperlichen Mangel durch Drehungen seiner Knie so geschickt aus, dass dieser in keiner Weise auffiel.

 

In Ermangelung eines nennenswerten männlichen Bartwuchses hatte sich Dragan seine Achselhaare kunstvoll um den Kopf geschlungen und zwirbelte deren Spitzen mit Bartwichse. Dem oberflächlichen Betrachter präsentierte sich das Ganze so als prachtvoller Backen- und Schnauzbart. Bei genauerem Hinsehen jedoch offenbarte sich stattdessen ein widerwärtiges Gewirr aus dünnen und gekräuselten Körperhaaren, in deren Geflecht sich allerlei seltsame Insekten und verschiedene Würmer tummelten.

 

Zu allem Überfluss stank Dragan Svetjovic penetrant nach Graupensuppe. Probleme bereiteten ihm auch seine Füße. Warum das so war, darüber sprach er nie.

 

Wenn man ihn nach seinem Beruf fragte, riss er sich sofort die Hose herunter und deutete mit knochigen Fingern auf sein Gemächt, dass einem Weihbischof nicht unähnlich war. Zudem fiel ihm jedes mal, wenn er die besagte Verhaltensweise an den Tag legte, eine Bibel aus dem rechten Ohr.

 

Er ging natürlich durchaus einem Beruf nach. Um welchen Beruf es sich handelte, ist mir bis heute unbekannt. Doch ich sah ihn in all den Jahren häufig zügigen Schrittes die Hauptstraße hinuntergehen. Weit vor ihm, fast schon unsichtbar, eilte seine Profession davon. Immer wenn Dragan seine Schritte beschleunigte, um den Abstand zu verkürzen, bewegte sich diese ebenfalls schneller. Umgekehrt war es genauso.

 

An jenem denkwürdigen Tag, von dem ich heute berichten möchte, war Vieles wie immer. Der morgendliche Nebel, der bereits seit Menschengedenken unseren Ort heimsuchte und der sich einen Dreck um die Jahreszeit scherte, hatte sich bereits weitgehend verflüchtigt.

 

Übrig blieb später am Tag ein gelber Belag auf dem Boden, den Häusern, einfach überall, der erst beim nächsten Regen abgewaschen werden würde. Ob er giftig war, wusste niemand. Es starben ohnehin jeden Tag genau viertausend Einwohner oder verschwanden spurlos, wobei Letzteres praktisch war, da es bei uns keinen Friedhof gab.

 

Dragan stand wie immer um 6.00 Uhr auf, zog sich an und duschte ausgiebig. Anschließend setzte er sich an den alten hölzernen Tisch, nahm sein Frühstück ein und trat Küchenschaben tot. Dann flatulierte er lüstern und grinste sich dabei im Spiegel an.

 

Anstatt sich zu schminken, drückte er hastig ein paar Pickel auf der Stirn aus und freute sich über die vielen kleinen Eiterspritzer auf dem Kosmetikspiegel, der kurz zuvor noch sein zahnfleischvolles Grinsen reflektiert hatte. „Du musst drücken bis Blut kommt, sonst ist nicht alles raus und es entzündet sich!“, hatte ihn seine Mutter ein übers andere mal ermahnt, als ihm seinerzeit die ersten pubertären Pusteln sprossen. Dies hatte er verinnerlicht und sich niemals dran gehalten. So lief er regelmäßig mit dicken schwärenden Geschwüren im Gesicht herum, immer in dem Bewusstsein, dadurch ganz und gar einzigartig und überdies für diese Einzigartigkeit auch noch allein verantwortlich zu sein. Er sah das Ganze im Grunde  als kreativen, ja, im religiösen Sinne schöpferischen Akt. Misslang ihm ein Versuch, so ging er in den Garten und grub mit den Händen in der Erde, bis sich unter seinen Fingernägeln dunkle Schmutzränder gebildet hatten. Im Anschluss quetschte er erneut an sich herum und konnte so ganz sicher sein, dass sein Werk gelingen würde.

Dergestalt geschmückt, triefnass, die Stirn voller Entzündungen, Pocken und Gartenerde sowie weiter unten im Gesicht mit einem Bartimitat aus Achselhaaren voller kleiner Tiere versehen, verließ er das Haus.

 

Vor der Tür traf er Hannelore. Hannelore war an sich eine hübsche Frau. Lediglich ihr unfassbares Übergewicht und die vierzehn Brüste, die sie mit sich herumschleppte, trübten den Gesamteindruck ein wenig.

 

Es waren natürlich nicht nur ihre eigenen Brüste, die an ihr herumbaumelten. Hannelore arbeitete im Leichenschauhaus und war dort allein für die Überführung der Verstorbenen in das nahe gelegene Krematorium zuständig. Bei dieser Tätigkeit nutzte sie von Zeit zu Zeit eine günstige Gelegenheit, um sich mit zusätzlichem Bindegewebe einzudecken. Bei der Applikation der zumeist riesigen Exemplare half ihr Dragan, der halbwegs geschickt mit Nadel und Faden umzugehen wusste.  

 

Daher kannten sich die Beiden. Zudem war Dragans Vater Friedhofsgärtner und Hannelore wusste dies. Für sie nahm ihre Bekanntschaft mit diesem eigentlich eher schäbigen Mann dadurch beinahe philosophische Dimensionen an. Dass Hannelore mittlerweile aussah, wie ein Versuchskaninchen für ein Melkmaschinentestlabor, störte Dragan nicht.

 

Gemeinsam schlenderten sie über das nebelfeucht glänzende Kopfsteinpflaster Richtung Bushaltestelle und atmeten die gelblichen Partikel ein, die in der Luft schwebten und die langsam zu Boden gesunken wären, hätten sie nicht fortan ihr Dasein in den Lungenflügeln unserer zwei Hauptpersonen fristen müssen.

 

Dragan und Hannelore konnten sich die weder Nummern der Linienbusse noch die Namen von Haltestellen merken. So gelangten sie beinahe jeden Tag an einen anderen Ort, in eine andere Welt voller Überraschungen und Dinge, die sie noch nie zuvor gesehen hatten.

 

Doch heute kam kein Bus.

 

Stattdessen füllte sich der Rinnstein vor der Haltestelle mehr und mehr mit Ringfingern. Aus dem Altbau hinter dem schäbigen Wartehäuschen, in dem neben Dragan und Hannelore nur noch ein pädophiles Rosinenbrötchen stand, schaute eine alte Frau aus dem Fenster, die Unterarme auf ein Kissen gestützt. „So hat das damals auch angefangen!“, krächzte sie mit heiserer Stimme. Dabei betonte sie das erste Wort, indem sie den Vokal mehrere Sekunden in die Länge zog. Kaum ihrem Mund entwichen, verwandelten sich die Os in Zwiebelringe, fielen auf den Gehsteig und hatten mit den Ringfingern im Rinnstein eine kurze, aber leidenschaftliche Affäre.

 

Hannelore bemerkte das Ganze erst, nachdem Dragan sie darauf hingewiesen hatte. Empört fuhr sie herum, wobei sie aufgrund ihrer anatomischen Besonderheiten und dem Wunder der Fliehkraft kurzzeitig einen Durchmesser von etwa sechs Metern annahm. Etwa so wie ein Kettenkarussell aus Fleisch.

 

Sie biss der alten Frau den Kopf ab und es war Ruhe. Sogar Ringfinger und Zwiebelringe ließen voneinander ab und trollten sich, wenn auch widerwillig.   

 

Dann kam doch noch der Bus.