Distanz

Ich könnte dich anfassen.

 

Ich will dich aber nicht anfassen.

 

Ich will dich auch nicht umarmen, du riechst nach Schweiß. Du nimmst mich ungefragt in den Arm und ich wage es nicht, mich zu wehren, um dich nicht zu verletzen. Du bist mir fremd. Du riechst nach Regenjacke und ungewaschenen Haaren. Du drückst mich fest, zu fest. Ich kenne dich zwar, aber nicht gut genug, um dich anfassen oder von dir angefasst werden zu wollen.

 

Ich will das nicht!

 

Wage es nicht, mir jetzt auch noch Küsschen links und rechts auf die Wange zu drücken. Wer oder was gibt dir das Recht dazu? Ich erwidere deine Umarmung, aber du musst meinen Widerwillen doch spüren. Welche Konvention verpflichtet mich, deine Berührung zu mögen? Ich lege pflichtbewusst meine Arme ebenfalls um dich, doch du müsstest eigentlich merken, dass ich dich nicht wirklich berühren will. Ich will, will, will es nicht und lasse es dennoch zu.

 

Ich hasse mich dafür.

 

Ich spüre deine knochigen Schulterblätter und mag es nicht. Ich spüre dein weiches Fettgewebe und mag es nicht. Ich spüre deine Wange an meiner und mag es nicht. Ich lasse es dennoch geschehen, wehre mich nicht und zähle bis zehn. Was willst du von mir? Ich fühle mich bei dir nicht geborgen, du gibst mir keinen Trost.

 

Lege nicht einmal deinen Arm um meine Schulter!

 

Gib mir allenfalls die Hand, aber nur, wenn sie nicht schweißnass ist. Sonst wüsste ich nicht wohin mit meiner Handinnenfläche, bis ich sie gewaschen habe. Kann ich sicher sein, dass du dir nach dem letzten Toilettengang die Hände gewaschen hast? Kann ich das? Kann ich das wirklich?

 

Ich kann es nicht.